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NOCH MEHR, BITTE!

Der Gewinner der Filmfestspiele von Venedig ist ein Glück für das Kino.
Von Katja Nicodemus

Schon seltsam: Seit Jahren schauen wir eine Fernsehserie nach der anderen, sind stolz auf binge watching, das sogenannte Komaglotzen, auf die Wochenenden, an denen wir mal wieder zehn Folgen der neuen Lieblingsserie geschafft haben. Ein vielstündiger Kinofilm hingegen wird immer noch als etwas Exotisches beäugt, so als sei er eine Zumutung und Cineastenflause. Aber warum eigentlich sollte das ästhetische Element der Länge ein Privileg des Seriellen sein? Und weshalb sollte sich der angenehme Suchteffekt der Serien nicht umso intensiver bei einem mehrstündigen Film einstellen, in der konzentrierten Dunkelheit des Kinosaals? Dort, wo man sich nicht ablenken lassen kann durch Essen, E-Mails-Checken, Nägellackieren. Und auch gar nicht ablenken lassen will.

Der knapp vierstündige Film The Woman Who Left von dem philippinischen Regisseur Lav Diaz, Gewinner des Goldenen Löwen der 73. Filmbiennale von Venedig, handelt von einer Frau namens Horacia, die dreißig Jahre lang unschuldig im Gefängnis war und nach dem Geständnis der wahren Mörderin entlassen wird. Ähnlich wie in einer Serie wird man mit Heldin und Nebenfiguren vertraut, entwickelt geradezu familiäre Gefühle. Aber die Verortung in deren Welt funktioniert auf faszinierende Weise anders: nicht nur durch die Wiederkehr von Schauplätzen und Motiven, sondern durch die Ruhe und Dauer der einzelnen Einstellung. Das Bild öffnet sich und teilt seine Zeit mit uns. Und wir schauen nicht mehr nur zu, sondern erleben das Vergehen der Zeit gemeinsam mit einer Heldin, die sich nach Jahrzehnten der Haft in einer neuen Gegenwart einrichten muss. Es ist das Leben auf einer Insel im Westen der Philippinen, fernab des Molochs Manila, mit einfachen weiß getünchten Gebäuden, die gleich wieder vom Dschungel verschluckt zu werden scheinen. Gefilmt ist dies in einem gestochenen, matten Schwarz-Weiß, das noch das kleinste Blättchen der wilden Vegetation wie gezeichnet aussehen lässt. The Woman Who Left ist eine Überlebensgeschichte, ein Blick auf eine Gesellschaft, ihre Gewalt und Kriminalität und zugleich ein Über-Film, der die Mittel des Kinos in Richtung einer poetischen Freiheit rückt. Auf dem Festival von Venedig, das in diesem Jahr wirklich nicht arm an preiswürdigen Filmen war, begeisterte er eine Jury mit so unterschiedlichen Künstlern wie dem britischen Regisseur Sam Mendes (American Beauty, die letzten beiden Bond- Filme), den Schauspielerinnen Nina Hoss und Chiara Mastroianni sowie der Sängerin und Performance-Künstlerin Laurie Anderson. Und so tief sich der Film in ein Leben begibt, das sich neu zusammensetzen muss, so rasch schafft er es zu Beginn mit wenigen Schnitten, von Haft und Einsamkeit zu erzählen, von den Überlebenstaktiken der Heldin.

Horacia wird gespielt von Ana Charios Santos-Concio, was bei näherer Betrachtung eine Sensation ist. In den siebziger, achtziger und neunziger Jahren war sie ein Film- und Telenovela-Star der Philippinen. Heute ist sie die Chefin eines der größten Medien- und Unterhaltungskonglomerate von Südostasien. Im Februar sagte Santos-Concio dem Regisseur Lav Diaz, dass sie gerne einmal in einem seiner Filme spielen würde. Im Mai begannen die Dreharbeiten, im Juli war der Film fertig, an dessen Beginn sich die Medienmanagerin vorsichtigen Schrittes aus dem Gefängnis in die Welt bewegt.

In The Woman Who Left macht sich Horacia auf den Weg zu ihrer Familie, die es nicht mehr gibt. Ihre Tochter kennt sie kaum, ihr Mann ist tot, ihr Sohn verschollen. Mit Geld aus dem Verkauf des Familienbesitzes eröffnet sie ein kleines Restaurant. Sie nimmt eine schwer verletzte Transsexuelle bei sich auf, die vergewaltigt und fast totgeschlagen wurde. Wir sehen eine Frau, deren Familie und Leben durch die Haft zerstört wurden, die sich jedoch ihre Menschlichkeit nicht nehmen lässt.

Es gibt noch eine andere Seite dieser sanftmütigen Heldin. In Männerklamotten und mit Basecap kundschaftet Horacia nachts die Gegend aus, in der der Mann wohnt, der sie durch eine mörderische Intrige ins Gefängnis gebracht hat. Sie beobachtet ihn, der inzwischen ein von Leibwächtern umgebener Mafioso ist, beim Kirchenbesuch. Und sie kauft eine Pistole. The Woman Who Left ist ein Film noir, seine Heldin ist zugleich Engel und Racheengel.

Durch das Verweilen an Originalschauplätzen und die zugleich abstrahierende Wirkung der Schwarz-Weiß-Fotografie erzählt The Woman Who Left immer beides: den Inhalt der Einstellung und seine gleichzeitige Transzendierung. Ein Krimineller erzählt einem Priester von seinen Untaten und erhält von ihm achselzuckend die Absolution – ihr langes Gespräch zeigt eine katholische Kirche, die die Wiederherstellung der Gerechtigkeit verhindert. Wir sehen die Frau, die in der Dunkelheit wartet – und erleben ein anderes, existenzielles Warten auf den Neubeginn eines Lebens. Horacia freundet sich mit einem bitterarmen fliegenden Händler an, der spätabends sein Geschäft beginnt – Nachtwesen sind beide, übersehen von einer taghell verkommenen Gesellschaft. Zur Zeiterfahrung dieses Films gehört auch, dass die Wut und Verzweiflung der Heldin nicht nach außen gekehrt werden. Sie sind einfach da, in den nächtlichen Totalen.

Durch die Entscheidung der venezianischen Jury ist der 58-jährige Kinovisionär Lav Diaz ins Rampenlicht einer globalen Kino-Öffentlichkeit gerückt. In all seinen Filmen verbindet sich die Gewaltgeschichte der Philippinen mit fein ziselierten Biografien. Alle Filme sind getragen von einer drängenden Logik, die den Einzelnen jedoch nicht aus seiner Verantwortung für die Geschichte entlässt. Sein zehnstündiger, 2004 gedrehter Film Evolution of a Filipino Family folgt einer Familie über die Zeit der Marcos-Diktatur. From What is Before , der 2014 den Goldenen Leoparden von Locarno gewann, erzählt den Beginn der Diktatur durch rätselhafte Ereignisse in einem abgelegenen Dorf. A Lullaby to the Sorrowful Mystery, Wettbewerbsfilm der vergangenen Berlinale, ist eine achtstündige mythologische Reise durch den Dschungel und die Ende des 19. Jahrhunderts niedergeschlagene philippinische Revolution gegen die spanische Kolonialmacht.

The Woman Who Left spielt im Jahr 1997. Es ist die Zeit, in der die Philippinen die Hochburg meist tödlich endender Entführungen waren. Die auf schwachen Beinen stehenden Demokratien der Region wurden durch die Rückgabe von Hongkong an die Volksrepublik China verunsichert. Es sind die Jahre zwischen Marcos, seinen gewählten korrupten Nachfolgern und dem heutigen Desaster. Langsam, durch Dialoge und im Hintergrund laufende Radiosendungen entdeckt der Zuschauer diese zwanzig Jahre zurückliegende, fragile, unsichere Gegenwart gemeinsam mit einer aus der Zeit gefallenen Heldin.

Welcher Epoche seines Landes, welchen mythologischen Gestalten und Nachtwesen wird sich Lav Diaz als Nächstes widmen? Zum Glück dreht dieser Regisseur mit kleiner Crew und lächerlichen Budgets. So schnell, dass man nicht allzu lange auf die nächste Staffel warten muss.